Margot-Friedländer-Preis – 1. Platz an die Carl-Bosch-Schule

Zum dritten Mal wurde am vergangenen Dienstag, den 21. März 2017, im geschichtsträchtigen Max Liebermann Haus in Anwesenheit der Namensträgerin des Preises und des Regierenden Bürgermeisters von Berlin der mit 5.000 Euro dotierte Margot-Friedländer-Preis der Schwarzkopf- Stiftung für ein Schulprojekt verliehen. Für ihr interaktives Kunst- und Geschichtsprojekt „Moving Sculptures“ zum Thema „Euthanasie“ an Kindern im Dritten Reich wurde die Carl-Bosch-Schule (Berlin-Reinickendorf) mit dem 1. Platz ausgezeichnet.

Preisträgerinnen mit Margot Friedländer, dem berliner Bürgermeister Michael Müller, der Künstlerin Karen Scheper und der Schulleiterin Frau Harder

Als die 13 Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 8-10 Anfang Februar nach Krakau aufbrachen, um die Gedenkstätte Auschwitz zu erkunden, war ihnen das Ausmaß des Holocausts und des nationalsozialistischen Vernichtungswahns vielleicht nur als eine Ansammlung von Wörtern wie „Rassismus“, „Gaskammern“ und „6 Millionen“ bewusst. Das Erfahren des Ortes, die Stille der Gegenstände und die unerzählten Geschichten vieler Opfer, deren Porträts an den Wänden hängen, haben die Hülsen dieser Wörter mit Gefühlen und Gedanken gefüllt. Eine Erfahrung, die Lehrbücher nicht ermöglichen können.

Besonders nachhaltig wirkten die ausgestellten Kinderzeichnungen, die die Künstlerin Michal Rovner Linie für Linie aus Tagebüchern, Malblöcken und Briefen übernahm und in Auschwitz in einen Raum zeichnete. Sie gedenken der 1,5 Millionen jüdischen Kinder, deren Leben, meist ohne eine Spur zu hinterlassen, ausgelöscht wurde. Sie zeigen vorbeiziehende Vögel, zurückgelassene Spielzeuge und einsame Blumen außerhalb des Stacheldrahts. Und während die Schülerinnen und Schüler in ihren Skizzenblöcken Zeichnungen dieser Fragmente übernahmen, erweiterten sie diese mit Fragen. Wer war dieses Kind? Was ist mit ihm geschehen? Warum ist ihm das geschehen?

Am Ende der Reise nahmen sie zwar die Skizzenbücher mit nach Hause, aber vielen hat Auschwitz die Sprache verschlagen. Vielleicht ist es schwierig, Worte zu finden, für die unmenschlichen Verbrechen an den Schwächsten, an den Wehrlosesten. Deshalb versucht die Projektgruppe „Moving Sculptures“ unter der Leitung der Künstlerin Karen Scheper, verschiedene Ausdrucksformen zu finden, um das Unsagbare sagbar zu machen. Mittels Installation und Performance wollen bis zu 40 Schülerinnen und Schüler der Carl-Bosch-Schule auf die Opfer der Euthanasiemorde in den sogenannten „Kinderfachabteilungen“ während der NS-Zeit aufmerksam machen, ihren Schicksalen einen Ort geben und sie vor dem Schweigen des Nicht-Erinnerns bewahren. Die Inszenierung der Erinnerung an die Euthanasierverbrechen soll dabei nicht an einem Ort verweilen, sondern auch andere Schulen und Institutionen aufsuchen und als filmische Dokumentation überdauern. Unterstützt wird das Projekt durch außerschulische Akteure – Tänzer, Sprecher, Künstler -, die bei der Gestaltung des Inhalts und der Umsetzung des Projekts helfen werden.

Die Schülerinnen und Schüler setzen mit dem Projekt ihre seit 2013 währende Arbeit am Gedenkort Eichborndamm 238 in Berlin-Reinickendorf fort. Einst befand sich dort die „Städtische Nervenklinik für Kinder“, die unter dem Tarnbegriff „Kinderfachabteilung Wiesengrund“ ab 1942 als „lebensunwert“ verurteilte Kinder aus dem Leben riss, ihnen qualvolle medizinische Untersuchen zumutete und in 81 belegten Fällen ihren grausamen Tod verantwortete. Ihre Schicksale und ihr Leiden waren lange vergessen, unbehelligt bewegten sich die Verantwortlichen in der Bundesrepublik und die Klinikanstalt blieb mehr oder weniger in Betrieb.

Seit 2013 sind vier Kellergebäude des Eichborndamms 138 als vom Museum Reinickendorf getragenes ‚Geschichtslabor‘ zu einem Ort der aktiven Auseinandersetzung mit dem Rassenwahn der Nationalsozialisten geworden. Und zu einem Ort, der die Verbrechen an den Euthanasieopfern des Wiesengrunds sichtbar macht, ungehörten Schicksalen eine Stimme geben will und daran erinnert, dass wir nicht vergessen dürfen. Auch wenn die Arbeit an den Biografien der Kinder nicht leichtfällt und die Dimension der Gräueltaten unfassbar ist. Sich dem Erinnern an die Verbrechen zu stellen, ist eine mutige Aufgabe.

In seiner Laudatio appellierte der Regierende Bürgermeister Michael Müller an die Zuhörenden, dass in einer Zeit, in denen populistische Kräfte reaktionäre Gedanken zunehmend unverhohlen äußern, auf das Vergessen, Nicht-Beachten, endlich Nicht-Mehr-Darüber-Sprechen drängen, und besonders in einer Zeit, die nicht mehr lange Zeitzeugen des Holocausts haben wird, junge Menschen das Erinnern übernehmen müssen, damit diese Verbrechen nie wieder geschehen können. Die Schülerinnen und Schüler der Projektgruppe „Moving Sculptures“ werden sich dieser Aufgabe mit ihren Zeichnungen, ihren Texten und ihren Bewegungen widmen und nicht nur an die Kinder des ‚Wiesengrunds‘ erinnern, sondern an die vielen wehrlosen Opfer des Nationalsozialismus. Deren Schicksale auch 70 Jahre später noch erzählt werden müssen.

 

Zurecht scheinen deshalb die berühmten Worte des Philosophen und Schriftstellers George Santayana an einer Wand im Vernichtungslager Auschwitz die Besucherinnen und Besucher daran zu erinnern, dass „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, dazu verdammt (ist), sie zu wiederholen“.

Text: F. Deichsel

Foto: J. Willmann

 

weiterführende Links:

Margot-Friedländer-Preis 2017 – Schwarzkopf-Stiftung

Blog + Livestream zum Projekt „Moving Sculptures“ (Werkstatt junge Geschichte)